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Dokument des Monats Mai 2007

"Miracle, Miracle"

Haydns Sinfonie Nr. 102 in einer Rundfunkaufnahme mit Max Fiedler
aus dem Jahre 1937

Porträt: Joseph Haydn
Joseph Haydn (1732-1809),
Porträt von Thomas Hardy, 1791

Das Jahr 1790 war für Joseph Haydn ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben. Nach fast drei Jahrzehnten Dienst als Hofkapellmeister des Fürstenhauses Esterházy wurde er in allen Ehren pensioniert. Sein alter Dienstherr, Fürst Nikolaus Esterházy, war gestorben, und dessen wenig musikinteressierter Sohn und Nachfolger Anton löste das Hoforchester auf. Haydn bezog vom Fürsten ein ansehnliches Ruhegehalt und ließ sich als frei schaffender Komponist in Wien nieder. Stellenangebote anderer Fürstenhäuser schlug er aus. Der Offerte, eine ausgedehnte Konzertreise nach London zu unternehmen, konnte Haydn allerdings nicht widerstehen. London galt es eines der bedeutendsten Musikzentren Europas, und auch in finanzieller Hinsicht war das Angebot des Konzertagenten Johann Peter Salomon, eines in England lebenden Deutschen aus Bonn, äußerst attraktiv: für die Komposition und Aufführung einer Oper und sechs neuer Sinfonien sollte Haydn die stolze Summe von 1200 englischen Pfund erhalten. Und so machte sich der damals 58-Jährige kurz vor Weihnachten 1790 auf die beschwerliche Reise. Während seines achtzehnmonatigen Aufenthalts in der britischen Metropole wurde er enthusiastisch gefeiert, und es ist wenig verwunderlich, daß Salomon versuchte, Haydn nach seiner Rückkehr nach Wien dazu zu bewegen, weitere Konzerte in England zu geben.

Porträt: Johann Peter Salomon
Johann Peter Salomon
(1745-1815), Konzertagent, Violinist und Komponist

Im Jahre 1794 begab sich Haydn für weitere eineinhalb Jahre nach London. Die politischen und militärischen Auseinandersetzungen in der Zeit nach der Französischen Revolution hatten auch Auswirkungen auf das Konzertleben. Johann Peter Salomon sagte 1795 seine Konzerte mit der Begründung ab, daß die politische Situation es nicht erlaube, erstklassige Solisten zu verpflichten. Haydn schloß sich daraufhin dem Geiger Giovanni Battista Viotti an, der die Londoner "Opera Concerts" veranstaltete. Die Konzertsaison 1795 eröffnete Viotti mit der Uraufführung von Haydns Sinfonie Nr. 102 in B-Dur. Während der Aufführung löste sich ein Kronleuchter von der Decke und stürzte in den Konzertsaal, doch wie durch ein Wunder wurde keiner verletzt. Das Publikum im Parterre hatte die regulären Plätze verlassen und sich um das Orchester geschart, um den berühmten Joseph Haydn, der die Aufführung vom Cembalo aus leitete, aus der Nähe zu sehen. Der Kronleuchter fiel daher auf leere Stuhlreihen. Die Konzertbesucher sollen "Miracle, Miracle" ausgerufen haben. Der "Morning Chronicle" berichtete am folgenden Tag mit typisch britischem Understatement: "Der letzte Satz wurde als Zugabe wiederholt: und trotz einer Unterbrechung, die durch das Herabfallen eines der Kronleuchter verursacht wurde, ist er nicht weniger wirkungsvoll gespielt worden." Aus einem nicht mehr zu klärenden Grund wurde dieses Ereignis später mit Haydns Sinfonie Nr. 96 in D-Dur assoziiert, die ihren heutigen Beinamen "The Miracle" eigentlich zu Unrecht trägt.

Autograph von Joseph Haydn
Autograph von Joseph Haydn

142 Jahre nach der Uraufführung stand Haydns Sinfonie Nr. 102 auf dem Programm einer Konzertveranstaltung des Reichssenders Berlin. Am 5. Dezember 1937 dirigierte Max Fiedler die Sinfonie neben dem Klavierkonzert in d-Moll von Mozart und der Nußknacker-Suite von Tschaikowsky. Das Konzert wurde ab 20.00 Uhr live aus dem großen Sendesaal des Hauses des Rundfunks in der Berliner Masurenallee übertragen und für Wiederholungssendungen auf Schellackplatten festgehalten. Die meisten dieser Schellackplatten haben die Zeitläufte überdauert, nur die Haydn-Sinfonie ist nicht komplett überliefert. Ausgerechnet im Finale der Sinfonie bricht die Aufnahme ab. Das Herabstürzen eines Kronleuchters kann als Ursache hierfür mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Sinfonie wurde definitiv vollständig aufgeführt und auf insgesamt acht Schellackplatten aufgezeichnet. Leider ist die letzte Platte des Plattensets mit dem Schluß der Aufnahme in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit verloren gegangen. Die unvollständige Überlieferung mag auch der Grund dafür gewesen sein, daß der Aufnahme bisher wenig Beachtung geschenkt wurde. Erst vor kurzem wurden die erhalten gebliebenen Teile der Einspielung tontechnisch restauriert und stehen nunmehr Rundfunk, Forschung und Lehre zur Verfügung. Max Fiedler, der zum Zeitpunkt des Konzerts bereits in seinem 78. Lebensjahr stand, bot eine sehr lebhafte, transparente und leichtfüßige Interpretation der Sinfonie, gewissermaßen einen "Haydn ganz ohne Zopf":

 

Hörzitat (2'14''): Joseph Haydn (1732-1809) - Finale. Presto (Beginn)
aus: Sinfonie B-Dur, Hob. I:102 (9. Londoner Sinfonie)
Orchester des Reichssenders Berlin
Leitung: Max Fiedler
Aufnahme: Reichssender Berlin
Aufnahmedatum: 5. Dezember 1937
Matrize: 41004/05

 
Foto: Max Fiedler
Max Fiedler (1859-1939) im großen Hamburger Funksaal, Mitte der 30er Jahre

Max Fiedler zählte zu den renommiertesten Dirigenten seiner Zeit. Er wurde am 31. Dezember 1859 in Zittau geboren, seine Ausbildung erhielt er von 1877 bis 1880 am Leipziger Konservatorium. Seine Absicht, Konzertpianist zu werden, gab er bald zugunsten der Dirigentenlaufbahn auf. Fiedlers Karriere begann in Hamburg, als er sich 1904 als Dirigent der "Philharmonischen Konzerte" einen Namen machte. Es folgten zahlreiche Konzertreisen. Von 1908 bis 1912 war er Leiter des Boston Symphony Orchestra und von 1916 bis 1934 Musikdirektor der Stadt Essen. Danach war er als Gastdirigent in Berlin und Stockholm tätig. Fiedlers Repertoire war breit gefächert mit dem Schwerpunkt der Musik der Klassik und Romantik. Vor allem als Brahms-Interpret machte er sich einen Namen. Er starb am 1. Dezember 1939 in Stockholm.

 

(Jörg Wyrschowy)

 

 

Stand: 26.04.2007
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