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Dokument des Monats September 2007

Ein Einblick in die Schellackplattenproduktion

Musterplatten mit dem Leipziger Gewandhauskammerorchester unter Paul Schmitz

Als es Thomas Alvar Edison im Jahre 1877 erstmals mit seinem Phonographen gelang, Schallwellen zu fixieren und wiederzugeben, konnte man die Formulierung "Schall und Rauch" nur noch bedingt als Symbol für das Flüchtige und Unwiederbringliche bemühen. Seit seiner bahnbrechenden Erfindung war es möglich, Schall mit technischen Mitteln dauerhaft festzuhalten. In den letzten 130 Jahren wurden diese technischen Mittel sowohl hinsichtlich der Aufnahmequalität als auch der Reproduzierbarkeit kontinuierlich verbessert. Heutzutage übersteigen Aufzeichnungs- und Wiedergabequalität bereits die Leitungsfähigkeit des menschlichen Ohrs, und die leichte Reproduzierbarkeit bereitet der phonographischen Industrie Kopfzerbrechen, weil ihr ihrer Ansicht nach durch massenhaftes Raubkopieren großer finanzieller Schaden entsteht. Auch der Signalmanipulation sind kaum mehr Grenzen gesetzt. Mit Hilfe moderner Schnitt- und Abmischungsverfahren, mit künstlicher Verhallung, elektronischen Begrenzern etc. können Aufnahmen nachträglich bis zur Perfektion geschönt und zum Beispiel Spielfehler eliminiert werden.

Grafische Darstellung der Schellackplattenproduktion aus der Zeitschrift: Der Reichsrundfunk, 23. Heft 1941/42
Grafische Darstellung der Schellackplattenproduktion
Quelle: Der Reichsrundfunk, 23. Heft 1941/42

Im Zeitalter der Schellackplatte (ca. 1900 - 1950) sah die Situation noch anders aus. Nachträgliche Signalmanipulationen waren nicht möglich. Man konnte nur ganze Matrizen austauschen, für den Fall, dass während der Aufnahme oder des Produktionsprozesses etwas Unvorhergesehenes passiert. Die Gewinnung einer pressfähigen Matrize war komplex und störanfällig: die mit der Tonschrift versehene Urmatrize aus Wachs wurde elektrisch leitend gemacht, also z.B. mit einer feinen Goldschicht überzogen. Von dieser Urmatrize wurde elektrolytisch eine Folgematrize aus Kupfer gewonnen. Diese Matrize war bereits pressfähig, wurde aber in der industriellen Fertigung der Schellackplatten nicht verwandt, weil sie sich im laufenden Produktionsprozess zu schnell abgenutzt hätte. Die eigentliche Plattenpressung erfolgte von Kopien der Kupfermatrize. Wenn die Kopien abgenutzt waren, konnten immer wieder neue Reproduktionen von der originalen Kupfermatrize angefertigt und die verbrauchten Matrizen ersetzt werden.

Foto: Etikett der Grammophon Musterplatte mit dem zweiten Take des Menuetts aus der Sinfonie C-Dur Hob. I:90
Etikett der Grammophon Musterplatte mit dem zweiten Take des Menuetts aus der Sinfonie C-Dur Hob. I:90

Während des aufwendigen Produktionsprozesses konnten die Matrizen leicht Schaden nehmen. Darum mussten die Künstler im Aufnahmestudio ihre Musikstücke gleich zwei- bis viermal hintereinander aufnehmen. Falls die Herstellung einer Matrize misslang, dienten diese mehrfachen "Takes" als Ersatz. Sofern alle Takes erfolgreich auf pressfähige Matrizen fixiert werden konnten, lag ein musikalisches Werk in mindestens zwei kompletten Einspielungen vor. Die Schallplattenproduzenten mussten dann entscheiden, welche der Takes veröffentlicht werden sollten. Zu diesem Zweck wurden von allen Matrizen Probepressungen auf Musterplatten gemacht. Beim Abhören der Platten wurde ermittelt, welche Takes technisch und künstlerisch am besten gelungen waren. Diese Takes wurden für die Plattenproduktion verwandt, die Ersatzaufnahmen blieben in der Regel unveröffentlicht. Sie sind meist nur erhalten, wenn die Musterplatten überliefert sind.

Foto: Der Leiter des Leipziger Gewandhauskammerorchesters Paul Schmitz
Der Leiter des Leipziger Gewandhauskammerorchesters Paul Schmitz
Foto: mit freundlicher Genehmigung von Erika Schmitz

Im Jahre 2006 kam das Deutsche Rundfunkarchiv durch eine Schenkung in den Besitz einer Reihe von Musterplatten aus dem Nachlass des Dirigenten Paul Schmitz (1898-1992). Schmitz war von 1927 an erster Kapellmeister an der Münchner Staatsoper in der Nachfolge Karl Böhms. Im Jahre 1933 folgte er einem Ruf nach Leipzig. Als Generalmusikdirektor und Leiter des Gewandhauskammerorchesters blieb er der sächsischen Metropole vierzig Jahre verbunden. Mit dem Gewandhauskammerorchester machte Schmitz zahlreiche Aufnahmen für den Leipziger Rundfunk und für die Deutsche Grammphon Gesellschaft. Die in der Schenkung befindlichen Musterplatten der Deutsche Grammphon Gesellschaft beinhalten sowohl veröffentlichte als auch unveröffentlichte Takes. Wir haben somit die seltene Gelegenheit, die unterschiedlichen Takes miteinander zu vergleichen.

Foto: Joseph Haydn - Portrait von Ludwig Guttenbrunn, ca. 1770
Joseph Haydn - Portrait von Ludwig Guttenbrunn, ca. 1770

Im August 1941 nahm Paul Schmitz mit dem Gewandhauskammerorchester die Sinfonie C-Dur Hob. I:90 von Joseph Haydn auf. Diese weniger bekannte Sinfonie entstand im Jahre 1788 als eines der Einzelwerke zwischen den berühmten Zyklen der "Pariser" und "Londoner" Sinfonien. Von der Sinfonie Hob. I:90 befanden sich neben den regulär veröffentlichten Schellackplatten der Deutschen Grammphon Gesellschaft auch die Musterplatten mit den unterschiedlichen Takes in der Schenkung. Paul Schmitz hatte damals die Sinfonie zweimal takeweise aufgenommen. Für die Veröffentlichung erstellte man eine Mischung aus beiden Aufnahmen. Für die erste Plattenseite wählte man die Matrize der Zweitaufnahme. Die restlichen fünf Plattenseiten wurden ausnahmslos mit den Matrizen der Erstaufnahme gepresst.

Das Menuett der Sinfonie eignet sich besonders für eine Gegenüberstellung der beiden Aufnahmetakes, weil es komplett auf einer Matrize Platz findet:

Hörzitate:


Take 1 (1'36''): Matrize 1467 GE 9 (veröffentlicht)

Grafik: Hüllkurve zu Take 1

Grafische Darstellung des Schallsignals von Take 1


Take 2 (1'36''): Matrize 1467 ½ GE 9 (unveröffentlicht)

Grafik: Hüllkurve zu Take 2

Grafische Darstellung des Schallsignals von Take 2


Joseph Haydn (1732-1809)
Menuett aus der Sinfonie C-Dur Hob. I:90
Gewandhauskammerorchester, Leipzig
Leitung: Paul Schmitz

Die Unterschiede zwischen den beiden Takes sind nicht groß. Sinn der Zweitaufnahme war nicht, eine künstlerische Alternativfassung, sondern einen technischen Ersatz zu haben. Darum hat man die Künstler bei der Aufnahme gebeten, die Takes in möglichst gleicher Form zu spielen. Identische Takes sind dabei allerdings nicht entstanden, und das ist auch beim Menuett der Haydn-Sinfonie der Fall. Bei genauerem Hinhören sind Abweichungen durchaus wahrnehmbar. Das bestätigt auch die optische Darstellung der Schallsignale. Die Hüllkurven sind sich sehr ähnlich, aber nicht identisch. Die Gründe, warum der erste Take und nicht der zweite veröffentlicht worden ist, waren in diesem Falle offensichtlich nicht sonderlich gravierend.

(Jörg Wyrschowy)

 

Stand: 14.08.2007
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