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Das besondere Dokument - 2008/1

Faszination Torso

Die Trio-Entwürfe zum 2. Satz der 9. Sinfonie von Anton Bruckner

Als Torso überlieferte Kunstwerke üben seit jeher eine besondere Faszination aus. Das gilt auch für unvollendet gebliebene Kompositionen. Oftmals sind sie von der Aura eines romantisierenden Mystizismus umgeben, vor allem, wenn der Komponist verstarb, bevor er sein letztes Werk vollenden konnte. Eines der prominentesten Beispiele dafür ist Mozarts Requiem. Häufig sind musikalische Fragmente jedoch bloße kompositorische Vorarbeiten, die nicht unbedingt zur Ausarbeitung vorgesehen waren. Andere Kompositionen blieben unvollendet, weil sie im Zuge des Kompositionsvorgangs verworfen wurden oder weil der Aufführungsanlass zwischenzeitlich entfallen war.

Porträt Anton Bruckner
Anton Bruckner (1824-1896),
Porträt von Ferry Beraton, 1890
Quelle: de.wikipedia.org

Die 9. Sinfonie von Anton Bruckner ist in mehrfacher Hinsicht fragmentarisch überliefert. Sie blieb als Ganzes unvollendet. Im Ende des Jahres 1894 waren die ersten drei Sätze fertig und der Finalsatz auch schon weitgehend. [...] Insgesamt haben Bruckner wahrscheinlich zwei Monate Lebenszeit gefehlt, um die Sinfonie zu vollenden, vermutete Nikolaus Harnoncourt im Rahmen eines Gesprächskonzerts, das im Jahre 2002 in Salzburg stattgefunden hat. Bruckners letzte Sinfonie nährte den berühmten Mythos der "Neunten", den Arnold Schoenberg 1912 in seiner berühmten Prager Rede über die "Neunte" von Gustav Mahler mit folgenden Worten umschrieb: Es scheint, die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muß fort. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe.

Zur 9. Sinfonie von Bruckner sind aber auch große Teile der kompositorischen Vorarbeiten erhalten geblieben. Bruckner hielt seine musikalische Grund-Konzeption zunächst in Particellform fest. Bei diesen Particell-Entwürfen handelte es sich aber keineswegs um die Skizzierung der vollständigen Sinfonie, sondern nur ihrer strukturell wichtigsten Teile. Als nächster Schritt erfolgte die Ausarbeitung der Partitur. Bruckner schrieb zunächst die Streicherstimmen und wichtige Verläufe in den Bläsern mit Bleistift nieder. Danach fixierte er die bereits notierten Stimmen mit Tinte und ergänzte blockweise die restlichen Instrumente. In einem letzten Arbeitsgang unterzog Bruckner die Komposition noch einmal einer kritischen Durchsicht und ergänzte alle spieltechnischen Anweisungen. Bei größeren Korrekturen sonderte er einzelne Partiturbögen aus und ersetzte sie durch komplett neu geschriebene. Von allen Kompositions- und Korrekturstadien der 9. Sinfonie liegt Quellenmaterial vor. In diesen Quellen finden sich auch musikalische Ideen, die letztendlich nicht in die Sinfonie eingegangen sind, so zum Beispiel zwei Trio-Entwürfe zum Scherzo, dem zweiten Satz der Sinfonie.

Der Erstentwurf zu Scherzo und Trio der 9. Sinfonie lag bereits am 4. Januar 1889 vollständig vor. Die eigentliche Ausarbeitung des Sinfoniesatzes stellte Bruckner dann aber zunächst zurück. Erst Anfang 1893 nahm er die Arbeiten wieder auf und komponierte am 27. Februar ein neues Trio, das er wenig später aber wieder verwarf. Die Arbeiten am Scherzo mit dem letztgültigen Trio schloss Bruckner am 15. Februar 1894 ab.

Die musikalische Grundsubstanz der beiden verworfenen Trios hat Bruckner vollständig ausgeformt, aber nicht mehr in Gänze instrumentiert. Im Jahre 1940 wurde die wahrscheinlich erste aufführungspraktische Einrichtung der Trios – eine Fassung für Streichquintett – erstellt. Am 13. Oktober 1940 präsentierte das bekannte Leipziger Strub-Quartett, verstärkt durch den Bratschisten Emil Seiler, diese Bearbeitung der Öffentlichkeit. Der Reichssender Leipzig hat die Aufführung im dortigen Landeskonservatorium mitgeschnitten und auf drei Schellackplatten festgehalten. Die Musikredakteure des Leipziger Senders scheinen zu dieser Zeit ein besonderes Interesse an den überlieferten Fragmenten zu Bruckners 9. Sinfonie gehabt zu haben, denn am Tag zuvor wurde das unvollendete Finale vom Orchester des Reichssenders Leipzig unter Leitung von Hans Weisbach aus der Taufe gehoben (siehe Dokument des Monats November 2007).
 

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Hörzitat (9'42''): Anton Bruckner (1824-1896)
2 Trioentwürfe zum Scherzo der Sinfonie Nr. 9 d-Moll, WAB 109:

Trio F-Dur (1889) – Trio Fis-Dur (1893) – Trio F-Dur (Wiederholung)

Strub-Quartett: Max Strub (Violine); Hermann Hubl (Violine); Hermann Hirschfelder (Viola); Hans Münch-Holland (Violoncello); zusätzlich: Emil Seiler (Viola)
Aufnahmedatum: 13. Oktober 1940
Produktion: Reichssender Leipzig
Matrizen: Lzg 61777/78

Foto Max Strub mit Violine
Max Strub (1900-1966)
Foto: von Bergen

Die Trios erklangen bei dieser Aufführung in einem Zusammenhang, der von Bruckner in keiner Weise intendiert war. Aus den ohnehin ausgesonderten, voneinander unabhängigen Entwürfen ist ein neues, selbständiges Satzgefüge in Bogenform ohne Bezug zum eigentlichen Scherzo-Hauptteil gebildet worden. Zunächst wurde das Trio in F-Dur aus dem Jahre 1889 gespielt. Als Mittelteil firmierte das Trio in Fis-Dur aus dem Jahre 1893, und danach wurde das F-Dur-Trio wiederholt.

Trotz der fragwürdigen Kompilation bietet die Aufnahme interessante Einblicke in die Genese des zweiten Satzes von Bruckners 9. Sinfonie. Das F-Dur-Trio ist im typischen Ländler-Ton gehalten. Besonders prägnant für den Satz ist das Ostinato-Motiv aus dem "Te Deum" von 1884, das in der ganzen Sinfonie eine wichtige Rolle spielt und an dieser Stelle fast wörtlich zitiert wird. Im Fis-Dur-Trio von 1893 wird der beschauliche Ländler-Ton beibehalten, das Te-Deum-Motiv ist in abgewandelter Form nach wie vor präsent, tritt aber etwas mehr in den Hintergrund. Im Mittelteil des Fis-Dur-Trios findet sich bereits das thematische Material, das in die endgültige Fassung des Trios von 1894 eingegangen ist. In der Endfassung von 1894 erhält das Trio einen vollkommen anderen Charakter. Bruckner schreibt einen nach vorne drängenden Satz, der im Gegensatz zu den Vorläuferfassungen keinen Ruhepol zum Scherzo-Hauptteil darstellt. Das Te-Deum-Motiv ist nur noch latent in die Satzstruktur eingebunden.

Leider ist die Leipziger Rundfunkaufnahme mit der Streichquintettfassung der beiden Trio-Entwürfe nicht vollständig überliefert. Die letzte Platte aus einem Set von ursprünglich drei Schellackplatten ist verschollen. Somit liegt nur eine fragmentarische Aufnahme des musikalischen Fragmentes vor. Auf der verloren gegangenen Platte befand sich offensichtlich die Fortsetzung der Wiederholung des F-Dur-Trios. Die fehlenden Takte konnten aus der ersten Platte rekonstruiert werden, so dass man sich ein vollständiges Bild der Aufführungsfassung von 1940 machen kann. Leider lässt die technische Qualität der Aufnahme stellenweise stark zu wünschen übrig. Die Aufnahmedokumentation des Reichssenders Leipzig belegt, dass die Einspielung explizit nicht für Sendezwecke gedacht war. Dennoch ist sie ein wichtiges Zeugnis der Bruckner-Rezeption. Schließlich handelt es sich um die Erstaufnahme der Trio-Entwürfe zum 2. Satz der 9. Sinfonie von Anton Bruckner.

(Jörg Wyrschowy)

 

Danksagung:
Das Deutsche Rundfunkarchiv dankt Mr. John Berky für seine fachliche Beratung bei der Erschließung dieses historischen Tondokuments.

 

Stand: 07.01.2008
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