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Das besondere Dokument - 2009/2

"Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art."

Christa Wolf zum 80. Geburtstag

Foto: Christa Wolf 1963
Christa Wolf, Aufnahme 9.5.1963
Foto: DRA/N.N.

Am 18. März 1929 kommt sie als Tochter eines Kaufmanns zur Welt, in Landsberg an der Warthe, das heute Gorzów Wielkopolski heißt und in Polen – nicht weit von der deutschen Grenze – liegt. Christa Ihlenfeld muss 1945 mit der Familie auf den Treck gehen und kommt in Mecklenburg an, in der Nähe von Schwerin. 1949 macht sie ihr Abitur und wird Mitglied der SED. In der DDR erblickt sie ihre Heimat, die Zeit des Aufbruchs weckt in ihr Begeisterung und Elan, beides lebt sie als Studentin der Germanistik in Jena und Leipzig aus. 1951 heiratet sie ihren Kommilitonen Gerhard Wolf, es ist die Eheschließung zweier künftiger Schriftsteller.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Lektorin, Redakteurin heißen die ersten Stationen auf dem Weg zum Beruf der Autorin. Freie Schriftstellerin ist Christa Wolf ab 1962. Ein Jahr zuvor ist eine Novelle von ihr erschienen, ein Jahr danach wird sie mit der Erzählung "Der geteilte Himmel" großen Erfolg haben. Die Geschichte wird verfilmt, bringt ihr einen Preis ein und die Wahl als Kandidatin in das Zentralkomitee der SED.

Als Christa Wolf 1965 auf dem 11. Plenum des ZK einer restriktiven Kulturpolitik die Zustimmung verweigert, ist sie mit ihrem Widerspruch allein im Saal. Es ist der Anfang schwieriger Konflikte mit dem SED-Machtapparat. Der zweite Roman, "Nachdenken über Christa T." wird 1968 in nur kleiner Auflage gedruckt und löst heftige Debatten aus. Christa Wolf wirft überholte Realismus-Vorstellungen über Bord und sucht nach differenzierteren Antworten, dabei die wachsende Souveränität des Subjekts in der Gesellschaft betonend und zugleich herausfordernd.

Die Beschreibung des Widerspruchs zwischen der historischen Entwicklung der Gesellschaft und den Ansprüchen des Individuums stößt an die Grenzen dessen, was die SED einem Künstler in der DDR zubilligt. Christa Wolf aber gibt die gewonnenen Einsichten, die sie als Maximen begreift, nicht preis. Als sie dann 1976 den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung mit initiiert, wird sie aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Kurz danach erscheint der Roman "Kindheitsmuster", der ihren Ruf als große Erzählerin weiter verfestigt. Ihr Renommee wächst auch international mit Übersetzungen und Lesereisen.

Als 1989 die Mauer fällt, gehört Christa Wolf zu jenen Intellektuellen, die sich einen reformierten Sozialismus wünschen. Als kurz danach bekannt wird, dass sie drei Jahre lang als IM beim Ministerium für Staatssicherheit geführt wurde, leidet sie schwer unter der Härte, die ihr von mancher Seite entgegen schlägt. In keinem Verhältnis stand diese Mitarbeit zu dem Umfang, in dem sie und ihre Familie später selbst von der Stasi bespitzelt wurden. Es liegt wohl in der Persönlichkeit der Autorin begründet, dass es immer die großen Konflikte sind, denen sie sich stellen muss – und will.

Wie viel Raum wird dem Individuum in der Gesellschaft gelassen? Zu dieser Frage kehrt die Schriftstellerin Christa Wolf immer wieder zurück. Und nur wenige Autoren verfügen über die Begabung, mit dieser Frage auf eine Art umzugehen, die weit über das Heute hinaus reicht – in die Tiefe gehend, den Widerspruch nicht scheuend, den Schmerz nicht ausklammernd. Denn wir leben eben nicht im Garten Eden: "Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art." Nachzulesen bei Christa Wolf in "Nachdenken über Christa T.". 

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Hörzitat 1 (1'06''): Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Christa Wolf und Waltraut Mohnholz
 

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Hörzitat 2 (4'41''): Lesung von Christa Wolf aus ihrem Roman "Nachdenken über Christa T."
 

In: Autoren kommen zu Wort. Gespräch mit Christa Wolf über ihr Buch "Nachdenken über Christa T." und Autorenlesung
Sendedatum 27.12.1967, 51'48"
DRA B B012757490
 

 

(Angela Mehner)

 

 

Stand: 24.03.2009
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