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Das aktuelle Ereignis

Die Sowjetunion entlässt die ersten 100.000 deutschen Kriegsgefangenen (22.07.1946)

70. Jahrestag am 22. Juli 2016


Kurzinformationen

Foto: Ankunft der ersten 3.000 entlassenen Kriegsgefangenen
Ankunft der ersten 3.000 entlassenen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion in Frankfurt/Oder
Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-V20312-14 /
CC-BY-SA 3.0
 

Hörzitat 1 (1'47) aus: Dokument
DRA Babelsberg KONF.4105958

Hörzitat 2 (1'37) aus: Dokument
DRA Babelsberg KONF.1771679

Hörzitat 3 (1'00) aus: Dokument
DRA Babelsberg KONF.4105955

 

 

Am 31. Juli 1946 berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk vom Eintreffen eines der ersten Transporte deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion im Leipziger Hauptbahnhof (Hörzitat 1). Wie dieser Transport passierten auch alle weiteren Züge, die ehemals in der Sowjetunion Inhaftierte beförderten, zunächst das Lager Gronenfelde in der Nähe von Frankfurt/Oder. Hier waren bereits einige Tage zuvor, am 22. Juli, die ersten Heimkehrer eingetroffen. Die Erfahrungen, welche die aus der Haft entlassenen Männer in den sowjetischen Lagern hatten machen müssen, wurden in der Berichterstattung kaum thematisiert. War die Zeit der Inhaftierung doch Gegenstand, so wurde diese durchweg positiv bewertet. Sofern der Blick tatsächlich in die Vergangenheit gerichtet war, beschäftigte er sich vielmehr mit der auf dem Faschismus gründenden deutschen Schuld. So auch in der Reportage vom Mitteldeutschen Rundfunk, die der vor Ort tätige Berichterstatter mit den Worten schloss:

"Eine Familie ist wieder vereint, und immer mehr werden sich wieder finden und so nach und nach werden all die tiefen Wunden heilen, die sich unser Volk in furchtbarer Verblendung selbst geschlagen hat. Es wird gesunden. Auf allen Gebieten spüren wir den Aufbauwillen."

Derartige Einschätzungen waren bereits vor Juli 1946 über den Äther gegangen. Besonderes Gewicht hatten solche moralisierenden Kommentare vor allem dann, wenn sie von den unmittelbar Betroffenen selbst, also den Heimkehrern oder aber den noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen Männern, waren. Gelegenheit, deren Stimmen zu hören, boten zahlreiche Sendereihen, in denen Inhaftierte Grußbotschaften an ihre Familien richten konnten. Keine dieser Sendereihen ist im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg überliefert. Jedoch findet sich im dortigen Hörfunkbestand ein Bericht des Berliner Rundfunks vom Januar 1946, welcher die Post deutscher Kriegsgefangener zum Gegenstand hat und einen Eindruck vermittelt, wie sich solche Sendungen angehört haben (Hörzitat 2). Der Umstand, dass es den Kriegsgefangenen gestattet war, Kontakt zu den Angehörigen in der Heimat zu pflegen, sollte das Bild einer Siegermacht befördern, die sich wohlwollend gegenüber den nicht vor allzu langer Zeit vom Nationalsozialismus verblendeten Deutschen zeigte. Auch die sehr allgemein gehaltenen Schilderungen der Kriegsgefangenschaft, in denen vielfach auf die gute körperliche Verfassung der gegenwärtig noch bzw. ehemals Inhaftierten hingewiesen wurde, sollten diesem Ansinnen dienen.

Setzten sich die Rundfunksendungen nicht mit der faschistischen Vergangenheit Deutschlands auseinander, so hatten sie die Wiedersehensfreude sowohl auf Seiten der Kriegsgefangenen als auch seitens derer Angehöriger zum Gegenstand. Es sind insbesondere die Grüße, die Angehörige ihren in Kürze heimkehrenden Ehemännern, Vätern und Söhnen übermittelten, die Zeugnis von dieser Freude ablegen (Hörzitat 3). Der Blick ist hier ganz eindeutig auf die Zukunft sowie auf den Neuanfang der bald wiedervereinten Familien gerichtet. Eingebettet waren diese familiären Schicksale freilich in den gesamtgesellschaftlichen Kontext. Nach Vorstellung der neuen politischen Elite sollte eine antifaschistisch-demokratische Ordnung errichtet werden – und zwar unter tatkräftiger Mithilfe der angeblich durch die Haft nicht sonderlich beeinträchtigten Heimkehrer. Die einseitige bzw. mitunter defizitäre Berichterstattung über die sowjetische Kriegsgefangenschaft war ein Bestandteil der Propaganda, die ein ausgeprägt positives Bild der Sowjetunion zeichnete. Eine der Realität angemessene Aufarbeitung der Erfahrungen deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion sollte erst mit Ende des Bestehens der DDR möglich werden.

 
(Annika Müllner)

 

Tonaufnahmen

 

Stand: 12. Juli 2016
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