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Das aktuelle Ereignis

Churchill spricht vom "Eisernen Vorhang" (05.03.1946)

70. Jahrestag am 5. März 2016


Kurzinformationen

Foto: Churchill und Truman auf der Plattform des Sonderzuges nach Fulton, 1946
 

Hörzitat 1 (1'03) aus: Dokument
DRA Frankfurt am Main KONF.722788

 

 

 

Winston Churchill und Harry S. Truman auf der Plattform des Sonderzuges nach Fulton, Missouri am 4. März 1946
Foto: Abbie Rowe / NARA 8451352, via Wikimedia Commons

 

Am 12. Mai 1945 – in Europa schwiegen seit vier Tagen die Waffen – schickte der britische Premierminister Winston Churchill an den amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman ein Telegramm, in dem er ihn vor den Absichten Russlands in Ost- und Mitteleuropa warnte: "Die Lage in Europa beunruhigt mich zutiefst [...] Ein eiserner Vorhang ist vor ihrer Front niedergegangen. Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht. Es ist kaum zu bezweifeln, dass der gesamte Raum östlich der Linie Lübeck-Triest-Korfu schon binnen kurzem völlig in ihrer Hand sein wird". In den USA war das Verhältnis zur Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt noch gespalten. Roosevelt, dessen Beziehung zu Stalin alles andere als schlecht gewesen war, hatte sich für eine Kooperation ausgesprochen. Langsam verschaffte sich jedoch eine neue Position Gehör, welche auf das Expansionsstreben Moskaus verwies und eine Zusammenarbeit für unmöglich hielt. Anders als auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 vereinbart, weigerten sich die Sowjets in der Tat, in den osteuropäischen Staaten freie Wahlen durchführen zu lassen und unterdrückten rücksichtslos alle nichtkommunistischen Kräfte.

Auch nach seinem Weggang von der Downing Street im Juli 1945 ließ Churchill keine Gelegenheit ungenutzt, um auf die "russische Gefahr" aufmerksam zu machen. Den Begriff "Eiserner Vorhang" verwendete er zum ersten Mal öffentlich am 5. März 1946 in einer Rede in Fulton, Missouri (Hörzitat 1): "Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria ist ein eiserner Vorhang über den Kontinent heruntergegangen". Die Russen wollten zwar keinen Krieg, aber "sie wollen die Früchte des Krieges für sich und die unbegrenzte Ausweitung ihrer Macht und ihrer Ideologie". Dagegen müssten sich die westlichen Staaten wehren, indem sie sich zusammentun und Stärke beweisen sollten. Die Wirkung der Rede war enorm. Die amerikanische Öffentlichkeit, die Churchill im Rundfunk mithörte, zeigte sich beeindruckt. Aber auch Truman, auf dessen Einladung die Reise Churchills in die Vereinigten Staaten zurückzuführen und der im Saal anwesend war, war offensichtlich für die Argumente des ehemaligen britischen Premiers empfindlich. Von nun an war seine Außenpolitik entschieden auf die militärische Eindämmung der Sowjetunion ausgerichtet.
 

 
Hörzitat 2 (0'40") aus: Dokument
DRA Babelsberg KONF.741739

 

 

 
 


Johann Ludwig (Lutz) Graf Schwerin von Krosigk 1932
Foto: Robert Sennecke, via Wikimedia Commons
  Foto: Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk 1932

 

Doch so berühmt die Rede in Fulton auch sein mag: Churchill ist es nicht, welchem der Verdienst zukommt, den eisernen Vorhang aus der Welt des Theaters in den Raum der Politik überführt zu haben. Goebbels benutzte den Ausdruck am 25. Februar 1945 in einem Leitartikel für die Wochenzeitung "Das Reich", in dem er die Beschlüsse von Jalta, insbesondere die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen, anprangerte und zur Fortsetzung des Kampfes aufrief. Würde dies nicht der Fall sein, "würden die Sowjets […] ganz Ost- und Südeuropa zuzüglich des größten Teils des Reiches besetzen. Vor diesem einschließlich der Sowjetunion riesigen Territorium würde sich sofort ein eiserner Vorhang heruntersenken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker […] begänne." Lutz Graf Schwerin von Krosigk übernahm das Schlagwort am 2. Mai 1945 in einer Rundfunkansprache. Von Hamburg aus wandte sich der Reichsaußenminister der neuen, von Dönitz berufenen Reichsregierung an die Bevölkerung und sprach sich für eine Weltordnung aus, in der "der bolschewistische Terror" keinen Bestand mehr habe. Noch sei es nicht so, im Gegenteil: Im Osten werde "der eiserne Vorhang immer weiter vorgerückt, hinter dem, den Augen der Welt entzogen, das Werk der Vernichtung vor sich geht" (Hörzitat 2). Noch mehr als bei Goebbels erinnert der Hinweis an die geheim gehaltene Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und stellt in psychologischer Hinsicht eine bemerkenswerte Projektion dar. Goebbels und Schwerin von Krosigk waren allerdings nicht der erste bzw. der zweite, die vom "eisernen Vorhang" sprachen. Wie Rainer Blasius es in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 19. Februar 2015 gezeigt hat, darf ein deutscher Journalist namens Max Walter Clauss die Urheberschaft für sich beanspruchen. Unter dem Kürzel "cl Lissabon" veröffentlichte er am 18. Februar 1945 ebenfalls in "Das Reich" einen Artikel über die Konferenz von Jalta mit dem Titel "Hinter dem eisernen Vorhang".

 
(Muriel Favre)

 

Tonaufnahmen

 

Stand: 29. Februar 2016
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