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Das aktuelle Ereignis

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR (16.11.1976)

40. Jahrestag am 16. November 2016



Foto: Wolf Biermann zu Besuch im Fernsehstudio Adlershof, 1961
Wolf Biermann zu Besuch im Fernsehstudio Adlershof, 1961
Foto: DRA Babelsberg / Klaus Winkler
 

Hörzitat (0'54") aus: Dokument
DRA Babelsberg KONF.5548870

 

Am 16. November 1976 versuchte das Politbüro des ZK der SED sich mit Wolf Biermann eines der bis dahin lautesten Kritiker im eigenen Land zu entledigen. Die Nachrichten­sendungen in Rundfunk und Fernsehen vermeldeten noch am Abend der Entscheidung, dass "[d]ie zuständigen Behörden der DDR […] Biermann […] das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen" hätten. Als Grund wurde angegeben, dass sich Biermann "[m]it seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik […] selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen" habe (Hörzitat). Man verwies damit auf ein Konzert, das der Sänger am Abend des 13. Novembers auf Einladung der IG Metall in einer ausver­kauften Halle in Köln gegeben hatte. Biermann, der im eigenen Land seit elf Jahren unter Auftrittsverbot stand, hatte während seines viereinhalbstündigen Programms nicht mit Angriffen auf das Regime der SED gespart. Das ZK legte ihm dieses Verhalten als Teil einer vom Westen ausgehenden Hetzkampagne aus und rechtfertigte damit seinen Ausschluss aus der DDR.

Wolf Biermann war 1953 als überzeugter Kommunist aus Hamburg in die DDR über­gesiedelt. Seine ersten Gedichte verfasste er 1959 als Student der Philosophie und Mathematik in Ost-Berlin. Schnell machte er sich als Dichter, Sänger und Schauspieler einen Namen und war in verschiedenen Radio- und Fernsehproduktionen aktiv – so z. B. im Fernsehfilm "Columbus 64", in dem er in einer schließlich nicht übernommenen Szene sich selbst spielte und inmitten von Wismut-Kumpeln sang [siehe auch: Das besondere Dokument 2015/2]. Biermanns öffentliche Auftritte wurden allerdings für die SED immer mehr zum Problem, weil der Liedermacher dabei offen das Regime und dessen Auslegung des realen Sozialismus kritisierte. Nach der Veröffent­lichung des Gedichtbands "Die Drahtharfe" über einen West-Berliner Verlag erklärte man seine Lyrik im Herbst 1965 letzten Endes für untragbar. Biermann wurde offiziell zum Staatsfeind erklärt und mit einem totalen Auftritts- und Publikationsverbot belegt, welches er jedoch in den folgenden Jahren durch regelmäßige "Wohnzimmerkonzerte" vor Freunden und anderen linksintellektuellen Besuchern in seiner Ost-Berliner Wohnung umging. Bereits seit Beginn der 1970er Jahre wollte die Regierung Honecker Biermann loswerden und fasste, da dieser einen freiwilligen Verzicht auf die Staatsbürgerschaft kategorisch ablehnte, eine Ausbürgerung als geeig­netes Mittel dafür ins Auge. Als Biermann im September 1976 trotz Verbots während eines Gottesdienstes in Prenzlau auftrat und die Regierung dadurch erneut provozierte, zog diese einen Schlussstrich: Sie genehmigte die Reise nach Köln, um Biermann anschließend die Rückkehr in die DDR zu verwehren.

Die Ausbürgerung erfuhr eine starke Gegenreaktion in Ost- und Westdeutschland. Bereits am 17. November unterzeichneten 13 Schriftsteller und Künstler der DDR einen gemein­samen Appell, in dem die Staatsführung unter anderem aufgefordert wurde, Biermanns "Unbequem­lichkeit gelassen nachdenkend [zu] ertragen" und eine Rücknahme ihrer Entscheidung in Erwägung zu ziehen. Die DDR-Regierung stellte den Künstler-Appell, der maßgeblich über bundesdeutsche Medien verbreitet wurde und insgesamt um die 100 Unterzeichner fand, wiederum als Teil eines aus der BRD gelenkten Angriffs dar. Gleichzeitig setzte sie mit einer öffentlichen Kampagne dagegen. Mit dem Satz "Wir sind es gewohnt, mitzudenken" ("wenn es um Angelegenheiten unseres Staates geht") erklärte am 20. November im "Neuen Deutschland" und anderen großen Zeitungen eine Reihe namhafter DDR-Künstler und -Schriftsteller ihr Einverständnis mit der Ausbürgerung Biermanns. Die Unterstützung der Regierung stellten sie als ihre Bürgerpflicht heraus. Hiermit setzte sich am Abend auch die "Aktuelle Kamera" auseinander. Es wurden diverse weitere Stimmen gegen Biermann verlesen, auch von Prominenten, die sich ursprünglich für den Sänger eingesetzt hatten und sich nun von ihm distanzierten. Die Abbildung groß­formatiger Porträtfotos verlieh den Statements die nötige Authentizität. Eine solche Inszenierung sollte die angebliche Geschlossenheit und Parteinähe der Kulturschaffenden in der DDR bekräftigen (Videozitat). Die mediale Offensive gestaltete sich entschieden, aber vergleichsweise kurz und sachlich, wohl auch um der Affäre frühzeitig die Brisanz zu nehmen. Eine für den 22. November geplante Beschäftigung mit dem Fall Biermann im Fernseh-Politmagazin "Der Schwarze Kanal" wurde kurzfristig abgesagt.
 

Videozitat (2'19")
aus: Dokument DRA Babelsberg FESAD IDNR 198547

 

 

 

 
 

Aktuelle Kamera vom 20.11.1976: Nachrichtenverlese zu Stellungnahmen
von Künstlern und Kulturschaffenden
 

 

Nicht nur für die Kulturschaffenden in der DDR bedeutete Biermanns Ausbürgerung eine deutliche politische und gesellschaftliche Zäsur. Sie beendete die liberalen Tendenzen, die Honecker seit seinem Machtantritt 1971 angedeutet hatte und legte endgültig enge Grenzen für eine staatlich geduldete Kunst fest. Die erneute Verschärfung des kulturpoli­tischen Klimas in der DDR veranlasste auf Dauer immer mehr Künstler zur Auswanderung. So fügte sich die DDR-Regierung mit der Entscheidung für den Ausschluss Biermanns, der seinerseits stets für den Verbleib der Menschen im sozialistischen Teil Deutschlands geworben hatte, den größten Schaden selbst zu.

 
(Niklas Pelizäus)

 

Tondokumente

 

Fernsehdokumente

 

Verwendete Literatur

Johannes Hürter, Die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Künstler und Intellektuelle zwischen den Stühlen, in: Udo Wengst & Hermann Wentger (Hg.), Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2008, S. 283-306.

Arne Born, Kampf um Legitimation. Stabilität und Instabilität der SED-Herrschaftsstrukturen, in: Roland Berbig u.a. (Hg.), In Sachen Biermann. Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung, Berlin 1994, S. 44-65.

Anke Fiedler & Michael Meyen, "Wolf Biermann ist ein Feind der Republik!" Die Berichterstattung der DDR-Tagespresse nach den Biermann-Affären 1965 und 1976, in: Presse in der DDR: Beiträge und Materialien. Online unter: http://pressegeschichte.docupedia.de/wiki/Berichterstattung_nach_den_Biermann-Affaeren_Version_1.0_Anke_Fiedler (01.11.2016)

 

Stand: 7. November 2016

 

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