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Das aktuelle Ereignis

Auseinandersetzungen in Ost-Berlin zwischen Polizei und Jugendlichen anlässlich eines Rockkonzerts auf der anderen Seite der Mauer (06.-08.06.1987)

30. Jahrestag am 8. Juni 2017
 

Vorwort
Kenner dieser Rubrik werden bemerken, dass das "Aktuelle Ereignis" in diesem Monat anders gestaltet ist. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sich in der Belegschaft des DRA am Standort Potsdam-Babelsberg eine Kollegin befindet, die damals dabei war. Es freut uns sehr, ihren Zeitzeugenbericht an dieser Stelle präsentieren zu dürfen.
 

Kurzinformationen

6. Juni 1987

In den frühen Nachmittagsstunden des Sonnabends vor Pfingsten machte ich mich auf den Weg zum Brandenburger Tor. David Bowie und New Model Army sollten auf dem Platz der Republik spielen. Ich war 16 Jahre alt. Eine musikbegeisterte, politisch wenig interessierte Jugendliche. Und ich lebte in Ost-Berlin.

Informationen über Konzerte in Westberlin bekamen wir auch vor der Maueröffnung, durch Radiosender wie den RIAS oder durch Mundpropaganda. Irgendjemand wusste immer von stattfindenden Konzertereignissen zu berichten. Wie ich herausgefunden habe, hat damals tatsächlich der RIAS das Konzert angekündigt. Die "Aktuelle Kamera" gab es in ihrer Ausgabe vom 10. Juni 1987 indirekt zu, indem sie aus einem Kommentar der westdeut­schen DKP-Zeitung "Unsere Zeit" zitierte (Videozitat 1).

 

Videozitat 1 (0'18)
aus: Dokument DRA Babelsberg FESAD IDNR 201493

 

 

 

Der Sprecher der "Aktuellen Kamera", Klaus Feldmann, verliest einen Kommentar der DKP-Zeitung "Unsere Zeit" zum Rockkonzert am Pfingstwochenende 1987 in Ost-Berlin

 

Um 16 Uhr sollte es am Reichstag losgehen. Zusammen mit meinen Freunden kam ich ungehindert "Unter den Linden" nahe dem Brandenburger Tor an. Wir wollten so nah wie möglich ran. In meiner Erinnerung standen oder saßen bereits Leute in kleinen Grüppchen auf dem breiten Mittelstreifen bzw. am Straßenrand. Alles wirkte irgendwie entspannt, gepaart mit einer prickelnden Vorfreude. Volkspolizisten waren vereinzelt zu sehen, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes nicht augenscheinlich. Bei anderen Veranstal­tungen konnte ich sie immer sehr gut identifizieren.

New Model Army fingen an zu spielen, die Akustik war ausreichend. Wir drängten ein bisschen mehr zusammen. Man kam ins Gespräch und versuchte, sich gemeinsam das Konzert auch visuell vorzustellen. Ich wusste aber, dass ich für den Auftritt von David Bowie andere Maßnahmen ergreifen musste. Ich war ein Riesenfan und wollte mehr sehen.

Wir beschlossen spontan, zur Charité zu gehen. Ein Freund wusste, dass man mit dem Fahrstuhl aufs Dach gelangen konnte. Er hatte dort kurzzeitig gearbeitet. Einen Versuch war es wert.

Wir kamen tatsächlich über den beschriebenen Weg auf das Dach der Charité und konnten nun auch mit eigenen Augen David Bowie live auf der Bühne verfolgen. Zumindest glaubte ich, es wäre Bowie. Vielleicht war es auch nur ein Fahnenmast. Am stärksten ist mir "Heroes" in Erinnerung. Damals liefen mir die Tränen über die Wangen und ich bekam Gänsehaut. An diesem Abend wurde das der eine Moment, der für mich immer unvergessen bleibt.

Foto: Die Autorin im Alter von 16 Jahren, 1987
Die Autorin im Alter von 16 Jahren
Foto: Sabrina Bernhöft

Mit Bowies "Modern Love" endete der Abend und ich fuhr nach Hause, in das weit entfernte Johannisthal. Irgend­welche unangenehmen Begegnungen mit den Staatsorganen gab es nicht. Die Medien im DDR-Fernsehen berichteten nichts über das Konzert. Da ich früh genug zu Hause war, fragten mich meine Eltern nur, wie es war. Die Gefühle, die ich nach dem Erlebnis "David Bowie war nur ein paar hundert Meter von mir entfernt" hatte, konnte ich nicht in Worte fassen. Und so blieb es beim "War ganz gut." Wäre ich etwas ausführ­licher geworden, hätte es eventuell mehr Verständnis seitens meiner Eltern für die kommenden Ereignisse gegeben. Aber wie gesagt, ich war 16 Jahre alt.  
 

7. Juni 1987

Ich muss zugeben, dass mir dieser Tag nur sehr bruchstückhaft in Erinnerung geblieben ist. Zum einen waren die Konzerte für mich nur bedingt interessant, es spielten die Eurythmics und Bruce Hornsby. Zum anderen gab es auch keine nennenswerten Ereignisse "Unter den Linden". Jedenfalls aus meiner Perspektive. Es war deutlich voller geworden. Man traf ein paar Leute vom Vortag wieder, trank zusammen ein paar Bierchen. Allerdings fiel mir auf, dass die Polizei und diesmal auch die Stasi recht verstärkt präsent war. Das war aber normal bei allen möglichen Veranstaltungen, so dass ich dem keine besonders große Bedeutung zuordnete. Die Musik plätscherte herüber, bei dem einen oder anderen Hit ging man kurzzeitig mit. Von Rebellion am Brandenburger Tor, an die sich Peter Wensierski im Spiegel-Artikel vom 16. Juli 2014 erinnert, habe ich nichts mitbekommen. Wensierski erzählt, dass David Bowie nach den Eurythmics gespielt hätte. Das war aber am ersten Tag, nach New Model Army. Erinnerungen scheinen sich mit der Zeit zu vermischen. Auch ich ahne, dass es bei mir ähnlich ist.
 

8. Juni 1987 – Der Tag, der vieles veränderte

Am frühen Nachmittag fuhr ich nach Berlin-Mitte. Wie auch an den Tagen zuvor hatte ich mich "Unter den Linden" am Café "Egon Erwin Kisch" verabredet. Das "Kisch" war unser Stamm­lokal, hatte aber über Pfingsten geschlossen. An diesem Tag jedoch kamen wir gar nicht erst zum Café vor, es war bereits alles durch die Volkspolizei abgesperrt. Die Stimmung war etwas aggressiv, unentspannt. Viele Menschen standen vor den Absper­rungen. Die Musik konnte man natürlich nicht verhindern. Genesis begann zu spielen. Ich war kein Fan, aber bei dem Song "Mama" bekam ich kalte Schauer. Das klang echt beeindruckend. In diesem Moment begann die Polizei uns noch mehr zurückzudrängen. Erste Rufe der "Konzertgänger" wurden laut, die Stasi führte einzelne Personen aus den Gruppen heraus. Ich war beunruhigt.

Uns wurde das etwas zu nervig, daher wichen wir erst mal in die Nebenstraßen aus. Auf ein paar bekannten Schleichwegen landeten wir bei der "Möwe", einem Künstler-Restaurant, welches ziemlich nahe an der Mauer lag und auch geschlossen war. An der Straßenecke konnte man auf jeden Fall die Musik viel besser hören. Den Standort kannte aber auch die Polizei. Wir wurden eingekesselt und saßen fest. Ich weiß nicht genau, wie viele wir waren, aber die Menge war ausreichend für eine Polizeiaktion.
 

Presseschau vom Sender Freies Berlin vom 9. bzw. 10. Juni 1987

Presseschau vom Sender Freies Berlin vom 9. bzw. 10. Juni 1987
(Anklicken öffnet vergrößerte Ansicht in einem PopUp-Fenster)

 



Quelle: DRA Babelsberg, Schriftgutbestand SFB VSig. 1378/8


 

Die Stunden vergingen, die Konzerte waren zu Ende, wir saßen immer noch. Worauf die Polizei zu dem Zeitpunkt wartete, ist mir bis heute nicht klar. Ich war sehr unruhig. Es war nach Mitternacht und ich sollte eigentlich um 23 Uhr zu Hause sein. Handys gab es damals noch nicht. Ich wurde langsam aber sicher wütend, innerlich. Ich war kein Rebell, also harrte ich einfach weiter aus. So wie auch der große Rest. Es blieb von unserer Seite ziemlich ruhig. Ein paar Sprechchöre bekamen wir noch hin (ich entsinne mich gut an "Die Mauer muss weg", eine Forderung, die im Herbst 1989 auf den Straßen der DDR zu hören sein sollte, und das Typoskript der Presseschau des SFB vom 9. Juni 1987 bestätigt das auch), mehr aber auch nicht. Kurz nach ein Uhr kam die Kunde, dass wir gehen könnten. Allerdings nur mit Angabe unserer Personalien. Viele Leute weigerten sich, es kam zu Tumulten. Der Wagen für die Keibelstraße, den Stützpunkt der Stasi für Verhöre und kurzfristige Inhaftierungen, stand schon bereit. Ob bereits verhaftete Leute drauf saßen, weiß ich nicht mehr. Mir war alles egal, ich wollte nur nach Hause. Also gab ich meinen Namen an, meine Daten und konnte gehen. Meine Freunde taten es mir gleich. Um die "Linden" machten wir einen großen Bogen. Im Gegensatz zu mir wohnten die anderen alle in Mitte.

Den einstündigen Weg nach Johannisthal musste ich allein antreten, was ein weiterer Frust­faktor war. Dieser eine Tag hatte die ganze wunderbare Stimmung vom ersten Tag völlig zunichte gemacht. Um kurz nach drei kam ich an. Meine besorgten Eltern waren sehr verärgert. Für sie war mein Zuspätkommen einfach nur meiner jugendlichen Unzuver­lässig­keit zuzuschreiben. Meine Erklärungsversuche, dass es nicht meine Schuld sei, dass wir festge­halten und teilweise verhaftet wurden, nur weil wir Musik hören wollten, stießen auf Verständnislosigkeit. Ich bekam Hausarrest.
 

Videozitat 2 (2'17)
aus: Dokument DRA Babelsberg FESAD IDNR 201493

 

 
 

Der Sprecher der "Aktuellen Kamera", Klaus Feldmann, verliest die Nachricht über die Zurückweisung entstellender Berichte von westdeutschen Medien zu den Ereignissen am Pfingstwochenende 1987 in Ost-Berlin

 

In der "Aktuellen Kamera" wurde erst am 10. Juni 1987 in der Nachrichtenverlese auf die Konzerte am Reichstag eingegangen und die westliche "entstellende" Berichterstattung über Rockfans der DDR zu den Pfingstfeiertagen dementiert. In ARD (z. B. in der Presse­schau des SFB) und ZDF war über brutale Polizeieinsätze gegen die Jugendlichen sowie über Verhaftungen, auch von Fernseh-Korrespondenten, berichtet worden. Nach Aussage des Sprechers des DDR-Außenministeriums, Wolfgang Meyer, habe die Polizei mit ihrer Präsenz jedoch nur die öffentliche Ordnung und den Straßenverkehr gewährleisten wollen. Verhaftungen hätte es nicht gegeben. Lediglich einzelne Ruhestörer und Randalierer, die die Situation ausnutzen wollten, seien festgestellt worden (Videozitat 2).

Ich habe das anders erlebt. Das waren nicht ein paar "Ruhestörer und Randalierer". De facto waren das friedliche Musikfans, die sich nicht die Chance entgehen lassen wollten, die Popgrößen der 1980er der westlichen Musikwelt live zu hören. Die beschriebenen Tumulte direkt am Brandenburger Tor habe ich nicht erlebt. Vielleicht war das auch mein Glück. Verhaftet wurden jedenfalls sehr viele. Was mit ihnen passierte, ist mir nicht bekannt. Ich fürchte, es hat den einen oder anderen von der Keibelstraße direkt nach Bautzen, in das politische Gefängnis gebracht.

Die Ereignisse bei den Pfingstkonzerten 1987 dürften für viele Beteiligte ein Schlüssel­erlebnis gewesen sein. Das Verhältnis zum Staat wurde mehr und mehr hinterfragt. Bei den einen wuchs das Bedürfnis nach Ausreise, bei den anderen der Wille zu mehr politischem Engagement. Auch für mich änderte sich etwas: Ich zog bei meinen Eltern aus. Ihr Unver­ständnis hatte mir gezeigt, dass mir mein Zuhause zu eng geworden war. Ich musste meine Erfahrungen unabhängig von ihnen machen. Das ging nicht so weit, dass ich jeglichen Kontakt abgebrochen habe. Aber das unbeschwerte Umsorgtsein des Elternhauses passte nach den Ereignissen Pfingsten 1987 nicht mehr zu meinem Lebensbild. Andere, meist ältere, wechselten das Gesellschaftssystem. Ich wechselte die Wohnung.

 
(Sabrina Bernhöft)

 

Fernsehdokument

 

Stand: 31. Mai 2017
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