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Das aktuelle Ereignis

"Das Volksbegehren des Deutschen Volksrates für Einheit und gerechten Frieden - Ja oder Nein!" (11.06.1948)

70. Jahrestag der öffentlichen Diskussion des Nordwestdeutschen Rundfunks und des Berliner Rundfunks in Berlin am 11. Juni 2018



Foto: Öffentliche Veranstaltung im Großen Sendesaal des Funkhauses in Berlin 1948
Öffentliche Veranstaltung im Großen Sendesaal des Funkhauses in der Masurenallee Berlin im Jahr 1948. Von der Diskussion zwischen Berliner Rundfunk und Nordwestdeutschem Rundfunk ist kein Foto überliefert.
Foto: DRA (Babelsberg) / Werner Herrmann

Hörzitat 1 (0'55) aus: Dokument
DRA (Babelsberg) KONF.2001266

Hörzitat 2 (0'51) aus: Dokument
DRA (Babelsberg) KONF.2001266

Hörzitat 3 (0'19) aus: Dokument
DRA (Babelsberg) KONF.2001266

Hörzitat 4 (0'53) aus: Dokument
DRA (Babelsberg) KONF.2001266


 

Am 11. Juni 1948 kam es in Berlin zu einem einmaligen Ereignis in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte: Vertreter des Berliner Rundfunks und des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) trafen sich zu einem Streitgespräch über die Zukunft des deutschen Volkes. Die Diskussion kam vor dem Hintergrund der Empfehlungen der Londoner Sechsmächtekonferenz (23. Februar - 2. Juni 1948) zur Gründung eines westdeutschen Staates sowie des vom Zweiten Deutschen Volkskongress (17./18. März 1948) in der sowjetischen Besatzungszone initiierten Volksbegehrens für Einheit und gerechten Frieden zustande. Unter der Leitung von Axel Eggebrecht diskutierten für den Berliner Rundfunk Peter Alfons Steiniger, Wolfgang Harich, Herbert Geßner und Karl-Eduard von Schnitzler, und für den NWDR Eberhard Schütz, Peter von Zahn, Willy Troester und Hans Erwin Haberfeld. Das Gespräch wurde vor Publikum im Großen Sendesaal des Funkhauses an der Masurenallee geführt und in West und Ost gleichermaßen und unzensiert ausgestrahlt.

Die argumentativen Strategien der Vertreter beider Rundfunkanstalten spiegelten im Wesentlichen die sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit immer mehr verhärtenden ideologischen Gegensätze zwischen Ost und West wider. Während die Vertreter des Berliner Rundfunks darauf bestanden, dass das Volksbegehren in der Ostzone alle demokratischen Voraussetzungen erfülle, hielten die Vertreter des NWDR dagegen, dass es in der Zone keine Meinungsfreiheit oder eine tatsächlich pluralistische Parteienlandschaft gebe, dass die Bevölkerung durch Druck zum Einzeichnen beim Volksbegehren genötigt werde (Troester, Hörzitat 1) und dass sich die SED des im Dritten Reich anerzogenen Untertanengeistes bediene. Darauf erwiderten die Berliner, dass kürzlich veröffentlichte Statistiken in einigen Regionen im Osten nur wenig Zustimmung zum Volksbegehren zeigen und dies den Vorwurf von Repressalien hinreichend widerlegen müsse (Geßner, Hörzitat 2). Außerdem, so fuhren sie fort, sei das Volksbegehren in zwei der drei Westzonen sogar verboten - und das neben ganz ähnlichen Versuchen, Druck auf die Bevölkerung auszuüben, hier, um sie vom Einzeichnen beim Volksbegehren abzubringen. Weiterhin wurden Politiker der Westzonen durch die Berliner der Kriegstreiberei und des Chauvinismus gegen die Völker im östlichen Europa bezichtigt, wohingegen die Hamburger eine Gefahr in einem innerdeutschen Chauvinismus des Ostens gegen den Westen sahen.

Trotz aller Meinungsverschiedenheiten sicherten beide Seiten zu, eine Einheit Deutschlands nicht nur zu befürworten, sondern für das Überleben des deutschen Volkes als notwendig zu erachten – die Frage aber, unter welchen politischen Vorzeichen eine solche Einheit zustande kommen könnte und welche Zone Deutschlands sich welcher anschließen solle, darüber bestanden tiefgehende Differenzen. Die Vertreter des Berliner Rundfunks hoben den unvereinbaren Gegensatz zwischen Befürwortern der Londoner Empfehlungen und jenen des Volksbegehrens hervor – war man für das eine, konnte man für das andere nicht sein und vice versa (Geßner, Hörzitat 3). Die Vertreter des NWDR konterten, dass auch die Menschen in den Westzonen keinen Einfluss auf die Vorgänge in London gehabt hätten, dass das Volksbegehren abzulehnen in keiner Weise bedeute, auch die deutsche Einheit abzulehnen und dass es auch andere Wege zur deutschen Einheit gebe als das von der östlichen Besatzungsmacht ins Leben gerufene Volksbegehren (von Zahn, Hörzitat 4). Abgesehen vom Willen zur Einheit schien beide Seiten lediglich die Tatsache, dass man die Verläufe der deutschen Ost- und Westgrenzen noch nicht für endgültig geklärt hielt, zu verbinden.

Die knapp bemessene Sendezeit von einer Stunde war schnell vorbei, die Diskussion wurde an lebhafter Stelle abgebrochen und hinterließ beim Zuhörer den Eindruck von Unvollständigkeit. Trotz eines am Ende durch Axel Eggebrecht ausgesprochenen Angebots zur Wiederholung einer solchen politischen Debatte zwischen Ost- und Westrundfunk, diesmal in Hamburg, kam ein weiteres Treffen dieser Art bis zum Jahr 1989 nicht mehr zustande.

Eine Transkription des Gesprächsverlaufs der im Deutschen Rundfunkarchiv vorliegenden Fassung der Sendung sowie eine kurze Analyse der Vor- und Nachgeschichte dieses außergewöhnlichen rundfunkgeschichtlichen Ereignisses findet sich in Pietrzynski, I.: Sie sprechen hier über die Politik der Besatzungsmächte - Diskussion zwischen Berliner Rundfunk und Nordwestdeutschem Rundfunk am 11. Juni 1948, in Rundfunk und Geschichte 22. Jahrgang Nr. 2/3 (1996), S.129-143.

 
(Maja Kreft)

 

Tondokumente

 

 

Stand: 30. Mai 2018
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