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Das aktuelle Ereignis

Uraufführung von Bruckners Sinfonie Nr. 1 c-Moll, WAB 101 (09.05.1868)

150. Jahrestag am 9. Mai 2018



Porträt: Anton Bruckner
Anton Bruckner (1824-1896)
Porträt von Ferry Beraton, 1890,
via Wikimedia Commons

Hörzitat 1 (1'54) aus: Dokument
DRA (Babelsberg) KONF.1835594

Hörzitat 2 (1'44) aus: Dokument
DRA (Frankfurt) KONF.626866


 

"So kühn und keck bin ich nie mehr gewesen, ich komponierte eben wie ein verliebter Narr, der ganzen Welt warf ich den Fehdehandschuh hin", kommentierte Anton Bruckner sein offizielles sinfonisches Erstlingswerk, das er in seiner österreichischen Mundart liebevoll "'s kecke Beserl" nannte. Das bedeutet in nördlicheren Regionen so viel wie "flotter Feger".

Das "Beserl" entstand im Zeitraum zwischen Januar 1865 und April 1866 in Linz nach langjährigen, intensiven Kompositionsstudien. Von 1857 bis 1861 nahm Bruckner Unterricht bei dem renommierten Musikgelehrten Simon Sechter, bei dem seinerzeit schon Franz Schubert gelernt hatte. Die Abschlussprüfung bestand er mit Bravour. Der Dirigent Johann von Herbeck, Mitglied der Prüfungskommission, befand: "Er hätte uns prüfen sollen!" Trotzdem war Bruckner mit seinem Wissen noch nicht zufrieden und führte seine Studien bei dem Linzer Theaterkapellmeister Otto Kitzler fort. In dieser Zeit entstanden ein Streichquartett, diverse Orchesterstücke und sogar eine komplette Sinfonie [f-Moll, WAB 99] als kompositorische Fingerübungen. Erst Mitte der 1860er Jahre, als Bruckner bereits das 40. Lebensjahr überschritten hatte, fühlte er sich in die Lage versetzt, mit großen repräsentativen Werken an die Öffentlichkeit zu treten. Zwischen 1864 und 1868 schrieb er drei große Messen und seine erste, vollgültige Sinfonie. Die Arbeiten an der Sinfonie waren am 14. April 1866 abgeschlossen, doch erst zwei Jahre später war es Bruckner möglich, eine öffentliche Aufführung zu realisieren.

Die Uraufführung der "Ersten" fand am 9. Mai 1868 unter Leitung des Komponisten in Linz statt. Die Linzer kannten ihren Domorganisten in erster Linie als genialen Improvisator und als Schöpfer von kleineren Gelegenheitskompositionen. Nun sahen sie sich wie aus dem Nichts mit einem großen sinfonischen Werk von radikal neuer Ton- und Formensprache konfrontiert. So überrascht es nicht, dass das Publikum mit dem Werk überfordert war. "Diese Sinfonie ist mit einem Mal hören, schwer zu verstehen", gab Bruckner später zu. Nichtsdestotrotz konnte er einen Achtungserfolg verbuchen, der ihn in seinen künstlerischen Ambitionen bestärkte. In rascher Folge entstanden nun die später verworfene Sinfonie Nr. 0 und die Erstfassungen der Sinfonien 2 bis 6. Dabei ist die "Erste" Keimzelle und Ausgangspunkt für alle weiteren Bruckner-Sinfonien bis hin zur unvollendet gebliebenen "Neunten", denn in ihr sind bereits alle Form- und Gestaltungsprinzipien angelegt, die alle späteren Schwesterwerke auszeichnen, wie z.B. die drei kontrastierenden Themen im Kopfsatz.
 

Partiturabschrift von Franz Schimatschek mit Verbesserungen und Bemerkungen von Anton Bruckner

Partiturabschrift von Franz Schimatschek mit Verbesserungen und Bemerkungen von Anton Bruckner (1. Satz der "Linzer Fassung", Takt 308-314)
(Anklicken öffnet vergrößerte Ansicht in einem PopUp-Fenster)

 



Quelle: Österreichische Nationalbibliothek Mus.Hs.3190 MUS, via europeana collections


 

Trotz ihrer vollendeten Form und innovativen Kraft blieb Bruckners "Erste" ohne weitere Resonanz. Erst Ende der 1880er Jahre wurde der Dirigent Hans Richter wieder auf das Erstlingswerk aufmerksam. Am 11. November 1889 schrieb der mittlerweile in Wien ansässige Komponist an seinen Kopisten Leopold Hofmeyer: "Hans Richter schwärmt unaussprechlich für meine Erste Symphonie. Er ist mir mit der Partitur davongelaufen, läßt sie abschreiben und führt sie in einem philh. Concerte auf". Doch dazu kam es nicht. Bruckner stoppte die Aufführung durch die Wiener Philharmoniker: "Den kecken Besen habe ich ihnen weggenommen". Offensichtlich waren ihm Zweifel gekommen, die Sinfonie gut zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung unverändert wiederaufzuführen. So unterzog er die Partitur einer grundlegenden Revision. Die musikalische Substanz, der Charakter und die Architektur der Sinfonie blieben dabei fast unverändert erhalten. Tiefergreifende Veränderungen erfuhren die Instrumentierung und die Harmonik. Weiterhin nahm Bruckner zahlreiche Nuancierungen hinsichtlich Tempo, Ausdruck und motivischer Prägnanz vor. Mit diesen Arbeiten war er von März 1890 bis April 1891 beschäftigt. Die Erstaufführung der neuen Fassung fand im Rahmen des dritten Philharmonischen Konzerts am 13. Dezember 1891 im Großen Saal des Wiener Musikvereins statt. Es spielten die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Hans Richter. Der äußere Anlass war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Wien an den Komponisten. Da Bruckner zu diesem Zeitpunkt kein neues Werk als Dank für den Doktortitel präsentieren konnte – seine neunte und letzte Sinfonie war gerade in Arbeit – kam es ihm entgegen, dass in Wien keiner seinen Erstling kannte.

In der sogenannten "Wiener Fassung" konnte sich Bruckners Sinfonie Nr. 1 c-Moll in den Konzertprogrammen durchsetzen. Das ursprüngliche "kecke Beserl" geriet zunächst in Vergessenheit. Die sogenannte "Linzer Fassung" erklang erst 66 Jahre nach der Uraufführung wieder in einem Konzert und zwar am 2. September 1934 unter der Leitung von Peter Rabe im Rahmen des Aachener Bruckner-Festes. Der Erstdruck erschien ein Jahr später in der Bruckner-Gesamtausgabe. In der neueren Rezeptionsgeschichte hat die "Linzer Fassung" wieder an Bedeutung gewonnen, denn sie hat den Vorzug, dass "in ihr ein urwüchsiger, noch durch keine Rücksichtnahme 'zusammengeschreckter' Bruckner zu uns spricht", wie es der österreichische Musikwissenschaftler Leopold Nowak einmal auf den Punkt brachte.

Die älteste im Deutschen Rundfunkarchiv befindliche Aufnahme der "Linzer Fassung" von Bruckners Erster Sinfonie datiert in das Jahr 1953. Es handelt sich um eine Produktion des Rundfunks der DDR mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig unter Leitung von Gerhard Pflüger (Hörzitat 1). Für die älteste Rundfunkproduktion der "Wiener Fassung" zeichnete der Reichssender Stuttgart verantwortlich. Fritz Lehmann nahm die Sinfonie im Jahre 1939 mit dem Großen Orchester des Reichssenders Stuttgart auf, wobei die Reihenfolge der Binnensätze vertauscht wurde (Hörzitat 2).

 
(Jörg Wyrschowy)

 

Aufnahmen im Deutschen Rundfunkarchiv

Linzer Fassung

Wiener Fassung

Fassung nicht geklärt

 

 

Stand: 07. Februar 2018
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